
Inzwischen haben fast alle ihren Senf zu “#BendGate” abgegeben. Die Fans aus allen Lagern haben sich über die Anderen aufgeregt. Mehr als genug iPhones wurden verbogen, zum Beispiel von Computer Bild. Insgesamt überwiegt wieder einmal die dilettantische Meinungsmache – ein Beispiel: 9to5mac
Soweit so verständlich.
Zum Glück existieren aber auch (halbwegs) fundierte Meldungen dazu.
Fangen wir mal mit der ersten an, der Presseerklärung von Apple (via CNET):
[…] We also perform rigorous tests throughout the entire development cycle including 3-point bending, pressure point cycling, sit, torsion, and user studies. iPhone 6 and iPhone 6 Plus meet or exceed all of our high quality standards to endure everyday, real life use. With normal use a bend in iPhone is extremely rare and through our first six days of sale, a total of nine customers have contacted Apple with a bent iPhone 6 Plus. […]
Also im Wesentlichen drei Aussagen:
- Apple weiß was sie machen. Sie erklären aber nur die Überschriften, keine Details.
- bei „normaler“ Benutzung ist ein Verbiegen des iPhones extrem selten. Wie genau „normale“ Benutzung definiert ist, erklärt Apple nicht.
- Apple gibt neun verbogene iPhones zu, man könnte also glauben, dass es wirklich ein seltenes Phänomen ist.
Nun zur nächsten Meldung, The Verge über Apples Testcenter:
Along with that three-point test, there\’s what\’s known as a \“sit test,\“ which simulates the stresses iPhones undergo while in pockets. And not just any pockets, either. There\’s a test for when people sit on a soft surface, when the iPhone is sat on, as well as what Apple considers the \“worst-case scenario,\“ which is when it goes into the rear pocket of skinny jeans and sits on a hard surface — at an angle.
Also kann Apple glaubhaft machen, dass sie wirklich wissen, was sie tun. Trotzdem bleiben die entscheidenden Informationen unausgesprochen.
Und dann meldet sich der Dilettantismus wieder, als Apple von Consumer Reports einen implizierten Persilschein ausgestellt bekommt:
All the phones we tested showed themselves to be pretty tough. The iPhone 6 Plus, the more robust of the new iPhones in our testing, started to deform when we reached 90 pounds of force, and came apart with 110 pounds of force. With those numbers, it slightly outperformed the HTC One (which is largely regarded as a sturdy, solid phone), as well as the smaller iPhone 6 [70 pounds], yet underperformed some other smart phones.
Für mich ist die entscheidende Frage nicht, bei welcher Kraft das Handy beginnt, sich zu verbiegen, oder ob es stabliere oder weniger stabile Wettbewerber auf dem Markt gibt. Alles zweitrangig. Wann es komplett versagt ist sogar irrelevant.
Entscheidend ist, welche Kraft (oder welches Biegemoment) beim „bestimmungsgemäßen Gebrauch“ Auftritt, und ob das Handy diese Kraft ohne bleibende Verformung aushält.
Der erste Schritt einer fachgerechten Analyse ist also die Messung: einen biegesteifen Klotz mit gleichen Abmessungen, mit DMS-Messtechnik, eine enge Jeans und ein Holzstuhl. Handy in die Gesäßtasche einstecken, hinsetzen, messen und aus den Dehnungen dann das Biegemoment ausrechnen. Schon haben wir die Messlatte.
Der zweite Schritt ist ein Versuch, bei dem genau dieses Biegemoment (konstant über die gesamte Länge) auf das Handy aufgebracht wird. Und zwar langsam gesteigert von lastfrei bis zum Zielwert. Dann wieder entlasten und nachprüfen, ob tatsächlich keine bleibende Verformung aufgetreten ist. Wenn nicht, dann ist der Test bestanden.
Jetzt kann man noch diskutieren, ob Gesäßtasche und Holzstuhl dem Worst Case des bestimmungsgemäßen Gebrauchs entspricht. Dafür wäre es günstig, wenn die Handyhersteller über ihren Schatten springen und einen gemeinsamen Stand der Technik definieren würden.
Das könnte noch richtig interessant werden, wenn ein spitzfindiger Rechtsanwalt drauf kommt, dass das iPhone 6 ungefähr halb so viel aushält wie das 5er. Ich sehe eine Sammelklage.
PS: Daring Fireball findet die Anforderung „Gesäßtasche“ schon übertrieben, aber ich sage dazu: manchmal denkt man nicht an sein Handy und bevor man sich versieht sitzt man drauf. Das sollte nicht zu bleibenden Verformungen führen, meine Meinung.
Bildquelle (Original): alexmilano @ instagram